»Neue Öffentlichkeit«. Eine datengestützte Literaturgeschichte: Westzonen und frühe Bundesrepublik 1945–1962
Auf welche Weise haben literarische Autorinnen und Autoren die ‚neue Öffentlichkeit‘ nach 1945 mitgeprägt? Wie haben sie deren Strukturen und Konflikte in ihrem Schreiben reflektiert? Welche Selbstdarstellungen und literaturgeschichtlichen Narrative bedürfen der quellenkritischen Revision? Das Ziel des Projekts ist, die Schwerpunktsetzungen und Urteile der bisherigen Forschung zur ›neuen‹ Öffentlichkeit nach 1945 zu prüfen – und wo nötig – zu differenzieren und zu revidieren. Das Projekt wählt einen methodisch innovativen Ansatz, indem es von den Entwicklungen der letzten Jahre im Bereich Data Mining und Critical Data Studies profitiert und die literarischen Fallstudien mit datenbasierten Ansätzen unterlegt, die sich in den Literaturwissenschaften erst langsam etablieren konnten.
Während sich eigenständige öffentlichkeitstheoretische Ansätze erst schrittweise entwickeln, findet die Aushandlung literarischer Öffentlichkeit in Westdeutschland zwischen 1945 und 1962, so die Ausgangsüberlegung des Projekts, in der Literatur selbst statt. Die zu prüfende Hypothese lautet, dass literaturgeschichtliche Narrative sich in weit größerem Umfang als bislang zugestanden aus literarischen Texten bedient haben, welche die westdeutsche Nachkriegsöffentlichkeit nach 1945 thematisieren – und die historischen Überlieferungslagen nicht systematisch genug einbezogen haben.
Zu diesem Zweck wertet das Projekt die relevanten Publikationsdaten der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) für den Untersuchungszeitraum vollständig aus und sieht einen doppelten Abgleich vor, indem es Genese, Überlieferung, Erschließung und Lücken aufgrund der Katalogdaten des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) und des Fritz-Hüser-Instituts Dortmund (FHI) beobachtbar macht. Die Publikationsdaten werden in einem zweiten Schritt mit den Narrativen und Topoi der Literaturgeschichtsschreibung konfrontiert. Die Vertiefung erfolgt im dritten Schritt in exemplarischen Fall- und Textanalysen. Den exemplarischen Textanalysen geht es nicht um die Frequenz bestimmter Lemmata (›Öffentlichkeit‹, ›Presse‹, ›Publikation‹), sondern um literarische Verfahren. Die Analysen wollen herausarbeiten, wie die Texte in ihrer thematischen und rhetorischen Ausrichtung das Verhältnis von Literatur und Öffentlichkeit nicht nur darstellen oder kritisieren, sondern mitgestalten.
Die Kombination von Text- und Metadatenanalyse ermöglicht, methodisch differenziert, die Überprüfung tradierter Forschungsnarrative. Auf diese Weise wird eine kritische Revision der Literatur- und Öffentlichkeitsgeschichte der Nachkriegszeit möglich.
Aktuelles:
– Missing Names. The Digital Reproduction of Gender Inequality. In: Sabine Friedrich, Svenja Hagenhoff, Karin Höpker (Hg.): Digitality and the Public Sphere: Literature, Mediality, Practice. Erscheint 2026.
– Workshop: Metadaten in den Humanities (organisiert gemeinsam mit Elias Kreyenbühl), 4./5. Dezember, Zentralbibliothek Zürich
– [Rez.] Sybille Krämer: Der Stachel des Digitalen. In: Tagesspiegel, 6. November 2025, 20.
– Adorno und die Aufklärung: Konzepte und Kontroversen nach 1945. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 73 (2025), 18–46.
– [Rez.] Manuel Förderer: Interregnum. Die deutsche Literatur zwischen 1945 und 1949. Winter, Heidelberg 2024. In: Zeitschrift für Germanistik 35 (2025), 711–713.
– [Rez.] Helke Rausch: Wissensspeicher in der Bundesrepublik. Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main 1945–1990. Wallstein Verlag, Göttingen 2023. In: Zeitschrift für Germanistik 35 (2025), 200–202.
– [Rez.] Stefanie Palm: Fördern und Zensieren. Die Medienpolitik der Bundesinnenministeriums nach dem Nationalsozialismus. Wallstein, Göttingen 2023. In: Zeitschrift für Germanistik 35 (2025), 436–438.
– ›Goethe und Einer seiner Bewunderer‹. Arno Schmidt und die Probleme literarischer Öffentlichkeit nach 1945. In: IASL 49 (2024), 26–49.
– Gegenöffentlichkeiten im 18. Jahrhundert? Eine kleine Ideengeschichte. In: Re-imagining the Public Sphere in the Long Nineteenth Century. Literatur, Theater und das soziale Imaginäre. Hg. v. Seán Allan and Christian Moser. Bielefeld: Aisthesis, 2024, 325–344.
– Öffentlichkeitskonzepte bei Margret Boveri. In: Zeitschrift für Germanistik 33 (2023), 328–347.
The Great Unread? Autorinnen zwischen Literatur, Journalismus und Wissenschaft. Datengestützte Rekonstruktionen
Nicht ungelesen, aber von der Forschung lange ignoriert: Für viele Autorinnen waren in der Literaturgeschichtsschreibung lange allenfalls Randplätze reserviert, selbst wenn sie zu Lebzeiten erfolgreich waren. Zugleich war es für Autorinnen bis ins 20. Jahrhundert deutlich schwieriger, Positionen zu erlangen, die es ihnen ermöglichten zu veröffentlichten. Seit den 1960er Jahren haben die Literaturwissenschaften diese Prozesse reflektiert: einerseits die blinden Flecken der literarischen Historiographie zum Thema gemacht, andererseits Autorinnen und ihre Texte wiederentdeckt. Aber die Folgen der Marginalisierung sind bis heute wirksam. An beide Stränge, den methodisch-kritischen wie den philologisch-rekonstruktiven, knüpft das Projekt an: Gestützt auf bibliothekarische und archivarische Metadaten beleuchtet es in einer Reihe von Einzelstudien, wie Autorinnen sich zwischen Literatur, Journalismus und Wissenschaft Wege gebahnt haben.
Aktuelles:
– Missing Names. The Digital Reproduction of Gender Inequality. In: Sabine Friedrich, Svenja Hagenhoff, Karin Höpker (Hg.): Digitality and the Public Sphere: Literature, Mediality, Practice. Erscheint 2026.
– Workshop: Metadaten in den Humanities (organisiert gemeinsam mit Elias Kreyenbühl), 4./5. Dezember, Zentralbibliothek Zürich
– Willy-Bretscher-Fellowship (DH-Fellowship) der Zentralbibliothek Zürich mit einem Projekt zu Elisabeth Brock-Sulzer (2025)
– [Rez.] Nadia Brügger, Valerie-Katharina Meyer: Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre. In: WOZ, 10. April 2025.
Literatur, Kritik und Philosophie im 18. Jahrhundert
Die Literatur und Philosophie des 18. Jahrhunderts bildet einen Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Meine ideengeschichtlich ansetzende Dissertation profiliert in detailgenauen Interpretationen und in der Auseinandersetzung mit neuesten Forschungsergebnissen Lessings und Wielands ästhetische und moralphilosophische Ansätze. Sie zeichnet die Auseinandersetzung mit aristotelischen und ciceronischen Vorstellungen von ›Phronesis‹ und ›Prudentia‹, ebenso mit der angelsächsischen Aufklärungsphilosophie (David Hume, Adam Smith, Shaftesbury) nach. Über die Dissertation hinaus wird der Schwerpunkt in einer Reihe von Vorträgen und Publikationen weiterverfolgt, zudem in der Lehre kontinuierlich vertreten.
Von besonderem Interesse sind gegenwärtig, wissenschaftshistorisch ansetzend, Öffentlichkeitskonzepte der Aufklärungszeit, zudem der transatlantische Ideentransfer um 1800.
Aktuelles:
– Wieland in Amerika. Ein Kapitel transatlantischer Literaturgeschichte um 1800. Vortrag, Forschungszentrum Gotha, 9. Juli 2026.
– Wieland in Amerika: Charles Brockden Browns aufklärerische Gothic Novel. In: Writing Angst. Schauerliteratur, Gothic Novel und literarischer Schrecken von 1800 bis zur Gegenwart. Hg. v. Jakob Baur, Lars Koch u. Barbara Schaff. Bielefeld: Transcript 2026, S. 155–172.
– [Rez.] Lea Liese: Mediologie der Anekdote. In: Gestern | Romantik | Heute. Forum für Wissenschaft und Kultur, Dezember 2025.
– Gegenöffentlichkeiten im 18. Jahrhundert? Eine kleine Ideengeschichte. In: Re-imagining the Public Sphere in the Long Nineteenth Century. Literatur, Theater und das soziale Imaginäre. Hg. v. Seán Allan and Christian Moser. Bielefeld: Aisthesis, 2024, 325–344.
– [Art.] Christoph Martin Wieland (1733-1813). In: Handbuch Märchen. Hg. v. Lothar Blum u. Stefan Neuhaus. Heidelberg: Metzler 2023, 211–214.
– [Rez.] Von der Sprache verführt? Andreas Kablitz vermisst das Verhältnis von Literaturtheorie und Philosophie. In: JLTonline (06.12.2022). Link: https://jltonline.de/reviews/2022/schauer-sprache-verfuhrt.de.html
– [Art.] Lessing, Gotthold Ephraim. In: Encyclopedia of the Philosophy of Law and Social Philosophy. Hg. v. Mortimer Sellers u. Stephan Kirste. Wiesbaden 2022.
– Beobachtung und Urteil: Literarische Aufklärung bei Lessing und Wieland. Heidelberg: Winter, 2019 (Wieland im Kontext. Oßmannstedter Studien, Bd. 3).
– Carl Niekerk: [Rez.] Beobachtung und Urteil. In: Das 18. Jahrhundert 45 (2021), 315–316.
– Tristan Coignard: [Rez.] Beobachtung und Urteil. In: Revue Lumières 35(2020), 167–169.
– Herbert Rowland: [Rez.] Beobachtung und Urteil. In: Lessing Yearbook XLVII (2020), 198–199.
Literatur in der DDR
Die literatur- und wissenschaftsgeschichtliche Auseinandersetzung mit Literatur in der DDR bildet einen Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Ein Akzent des wissenschaftsgeschichtlichen Parts lag auf den Evaluationsprozessen nach 1989-1991. Gegenwärtig befasse ich mich mit Narrativen über ›DDR-Literatur‹. Dadurch grundiert ist die Auseinandersetzung mit literarischen Texten, etwa mit Biermanns früher Lyrik (Katalogbeitrag für die Ausstellung (2023) im DHM »Wolf Biermann. Leben und Werk«, kuratiert von Monika Boll). Zudem gilt mein Interesse den Freiheitsimaginationen der Ostseeliteratur vor und nach 1989.
Aktuelles:
– Freiheitskonzepte auf dem Prüfstand: Lutz Seilers ›Kruso‹. In: Spaziergänge im Niemandsland. Beiträge zum Werk Lutz Seilers. Hg. v. Christoph Jürgensen u. Julia Ingold. Königshausen & Neumann 2025, 99–114.
– Der Sound der Drahtharfe. Wolf Biermanns Lyrik. In: Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deuschland. Hg. v. Dorlis Blume, Monika Boll u. Raphael Gross. Berlin: Chr. Links, 2023, 78–94.
– Vortrag: Konjunkturen von Narrativen über ›DDR-Literatur‹, Workshop: DDR-Literaturforschung, Universität Bonn, Juni 2022.
– Herausgeberschaft, Themenschwerpunkt: Germanistik in der DDR. Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes 64 (2017), H. 2.